Warum und für wen ‚Resilienz‘ gefährlich sein kann.
Artikel 3 in der Serie Perimenopause/Wechseljahre, Burnout & Nervensystem.
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Live lecture on April 14th (online): Perimenopause Beyond Hormones – How Stability Shifts And How It Can Be Restored
Uns wird beigebracht, dass Resilienz eine Superkraft sei. Mit dem Älterwerden wird aber sichtbar: Oft ist, was wir Resilienz nennen, nur die Fähigkeit, einzustecken. Unser Körper bittet währenddessen darum, damit aufzuhören.
Resilienz bedeutet im Kern Widerstehen, allen Arten von Druck. Die daraus folgende Logik: sich verstärken, weniger empfindlich werden. Wenn uns etwas trotzdem trifft, wenn wir erschüttert werden oder unsere Kapazität nicht ausreicht, bietet die Schlussfolgerung automatisch an: Ich bin noch nicht stark genug. Wir schaffen es sogar, über unsere eigene Reizbarkeit gereizt zu sein.
Druck als Organisationsmittelpunkt
Eine Aufmerksamkeit oder Wachheit, die proaktiv auf Druck ausgerichtet ist (welchen sie als Versagensrisiko liest), ist andauernd mit Bedrohung beschäftigt. Dieser -oft unterbewusste- Zustand heißt Hypervigilanz: ein Teil des Geistes scannt permanent, antizipiert, bereitet sich vor. Mit so einer Disposition können wir nie wirklich im schönen Moment ankommen; der Geist geht automatisch zu einer zukünftigen Situation: „Wenn es jetzt schön ist, dann könnte es in fünf Minuten, oder nächsten Monat, oder morgen, oder nächstes Jahr weniger schön werden…“
Dieser mentale Reflex kann von Trauma herrühren. Aus Prägung, aus Umgebungen, die Hypervigilanz notwendig gemacht haben. Wir suchen ihn uns nicht aus. Er ist schädlich für die Gesundheit, denn er destabilisiert zunehmend das Nervensystem, im Lauf der Jahrzehnte. Die Auswirkung wird erst spät sichtbar, was einer der Gründe ist, warum die Tsunami-Anzeichen leicht zu übersehen sind, solange die 40 noch nicht überschritten sind.
Hypervigilanz war eine legitime Antwort auf eine reale Umgebung. Das Problem mit ihr ist, dass sie nicht aufrechterhalten werden kann, ohne dass wir selbst eine chronisch gestresste Umgebung replizieren: Cortisol etwas zu sehr aktiviert (und zur falschen Uhrzeit), das Nervensystem nie vollständig in Ruhe…
Wenn wir dann Resilienz verfolgen, mehr Befestigung, mehr Kapazität, mehr Abkönnen, arbeiten wir mit derselben Logik wie die Hypervigilanz, und halten an ihr fest, anstatt das zugrunde liegende Muster zu verändern.
Die Last, und das System, das sie produziert
Wenn wir akzeptieren, dass die Antwort auf Ungleichgewicht immer darin besteht, uns selbst zu stärken, übersehen wir andere Möglichkeiten: den Stressor zu vermeiden, zu beenden, oder nicht auf eine kompensatorische Ausflucht zu bestehen, und/oder ehrlicher darüber zu sein, was wir bereit und in der Lage sind, dauerhaft zu tragen und was nicht.
Einerseits kann Resilienz empowern: „Ich habe viel Last zu tragen, jetzt wird anerkannt, wie ich immer gefordert bin, stark zu sein.“, ist im Wort Resilienz enthalten. Was viele Menschen allerdings gewohnheitsmäßig gleichzeitig tun: sie akzeptieren die Last, statt das System zu betrachten, das die Unverhältnismäßigkeit dieser Last erst verursacht.
Dieses System kann gesellschaftlich, strukturell, zwischenmenschlich sein. Es kann auch verinnerlicht sein. Vielleicht habe ich eine übergroße Last akzeptiert, weil ich dazu geprägt wurde.
Unter dem Deckmantel eines scheinbar ermächtigenden Wortes haben wir eine neue Art der Selbstaufgabe gefunden. In einem Konglomerat grenzenloser Anforderungen an sich selbst ist aber kein Erbarmen, und kein Mitgefühl in der permanenten Behauptung, diejenige zu sein, die es aushalten kann.
Das ist besonders relevant für BPoC, für Menschen mit komplexer PTBS, für Menschen, die sich gerade in den Wechseljahren befinden, und für neurodivergente Menschen. Die Aufforderung, stark zu sein, korreliert mit lebenslangem Gaslighting, sie seien angeblich „zu sensibel“ (= nicht resilient genug). Deshalb schlage ich vor, vorsichtig zu sein mit dem Begriff „Resilienz“ im Kontext von Empowerment und Persönlichkeitsentwicklung.
Meine Einladung als Antwort auf diesen toxischen Automatismus ist Selbstsolidarität:
Mit der Konditionierung im Hinterkopf (hallo, gnadenlose 1990er):
Jedes Mal, wenn du den Wunsch verspürst, stärker zu sein, überprüfe zuerst: Behandle ich meinen Körper vielleicht gerade wie einen Handlanger? Rede ich im Kopf schlecht über mich selbst? Wie viele negative Dinge habe ich mir in den letzten 10 Stunden gesagt?
Die Verlockung dickerer Wände
Ständige Verstärkung macht die Wände dicker. Das stellt kein Gleichgewicht her, ganz im Gegenteil. Etwas, das bis zum Äußersten verstärkt ist, ist abgeschottet. Genau das ist aber eine der Versuchungen von Resilienz. Ein traumatisierter Teil mag denken: „Ich verstärke mich so gut, dass mich nichts mehr verletzen kann; dann bin ich sicher.“ Das bedeutet allerdings gleichzeitig, den Teil zu ignorieren, der die Angst hat, verletzt zu werden. Ihm kein Mitgefühl zu zeigen, ihn nicht anzuerkennen, ihn im Prinzip hängenzulassen, und ihn schon gar nicht sanft darüber aufzuklären, dass die Situation heute sich geändert hat, und die Gefühle vielleicht nicht mehr in jedem Fall der Schwere der aktuellen Situation entsprechen.
In der Kindheit – tatsächlich vollständig ohnmächtig – ging es bei Angst und Furcht um unmittelbares Überleben. So wurden unsere Reaktionen mitsamt ihrem Kompass konditioniert. So sind wir aufgewachsen, es ist unsere Voreinstellung.
Es ist daher möglich, das ganze Leben darum zu organisieren, eine bestimmte Angst zu vermeiden. Diese eine Angst erscheint im Geist als abgrundtief unerträglich – denn die Bedrohung, mit der sie verbunden war, war einmal real. Der Versuch, diese Vermeidung auch im Erwachsenenleben noch aufrechtzuerhalten, kostet allerdings viel mehr als das Verlernen der Verbindung zwischen der damals lebensbedrohlichen Situation und der Wahrscheinlichkeit des Hier und Heute. Verlernen sei hier gemeint in neurologischer Hinsicht, sowie in psychologischer, vielleicht sogar in spiritueller Hinsicht, und auch auf Zwischenmenschlicher Ebene, denn damals wie heute an Schmerz und Gefahr beteiligt waren andere Menschen.
Ironischerweise ziehen wir automatisch an, was wir am meisten zu vermeiden suchen. Ein hypothetisches Beispiel Du willst vielleicht nicht wieder verletzt werden, öffnest dich daher nicht, versteckst deine eigentliche Persönlichkeit… dadurch wirst du als jemand wahrgenommen, der sich nicht öffnen kann, und Menschen verbringen schließlich mehr Zeit mit jemandem, der offener ist. So wurdest du verletzt durch den Versuch, genau diese Verletzung zu vermeiden. Und so ist es mit vielen verschiedenen Ängsten.
Resilienz als Identität, und der passende Platz
Wenn wir uns darauf etwas einbilden, viel Druck aushalten zu können, oder weniger fragil zu sein als Andere, können wir auf jemanden herabschauen, der weniger aushält, und sagen: „Die ist schon kurz vor dem Zusammenbruch; aber ich habe schon viel Schwierigeres erlebt, die sollte sich zusammenreißen.“ Das ist auch für uns selbst gefährlich, denn so wird Resilienz mit unserer Identität verknüpft.
Dann wird es schwer, zuzugeben, wenn uns etwas zu viel ist. Zuzugeben, wenn etwas zu viel ist, ist aber notwendig dafür, Unfälle, Burnout und schlechte Planung zu vermeiden. Wenn ich alles annehme, was kommt, bin ich nicht besonders strategisch, und respektiere auch meine eigene Zeit nicht. Wer soll meine Zeit respektieren, wenn ich sie selbst nicht respektiere?
Wer alles annimmt, weil es schon irgendwie geht, verortet sich selbst dauerhaft in Schwierigkeit – als wäre Schwierigkeit der passende Platz.
Du würdest der besten Freundin nicht sagen: „Ich finde, du solltest mehr Last auf dich nehmen, die Menschen dir einfach aufbürden, du solltest das akzeptieren, und immer mehr Last bekommen, weil du ja auch resilienter wirst. Je stärker du wirst, desto mehr Zeit solltest du verschwenden, du verdienst es auch nicht, dich leicht zu fühlen, und schon gar nicht, dich zu entspannen.“ Würden wir so etwas sagen? Natürlich nicht. Aber wir sagen es zu uns selbst, immer wenn wir darauf bestehen, generell die starke Person zu sein, und auch noch stolz darauf sind.
Das gesellschaftliche Bild
Besonders heikel ist das in einer Gesellschaft, die vor allem Frauen und nichtbinäre Menschen dafür belohnt, immer diejenigen zu sein, die alles klaglos tragen. Die ideale Frau™: akzeptiert alle Last und allen Nonsens. Sie kümmert sich um alles, hat den Managementjob, arrangiert alle Aktivitäten für alle Kinder, dann macht sie noch den Fundraiser, und jammert nie. Das ist das Wichtigste. Sie wird auch nicht gereizt und hat keine Stimmungsschwankungen. Sie ist nur stark. Nicht einmal eine echte Persönlichkeit.
Und was passiert in den Wechseljahren? Stimmungsschwankungen.
Während Resilienz der akzeptable Modus ist – wie gesund ist es wirklich, so eine eindimensionale Fantasiefigur von sich selbst zu akzeptieren?
Eine weitere Diskussion ist nötig darüber, wem diese Version eigentlich dient und welchen konkreten Zweck dieses Bild in der Gesellschaft hat.
Es ist sehr schwer, Selbstakzeptanz zu haben, wenn das Umfeld Akzeptanz an Hyperresilienz bindet. Deshalb kann Resilienzabbau keine generelle Forderung sein. Natürlich müssen wir resilient sein. Der Vorschlag ist allerdings, unsere Beziehung zu dieser Resilienz zu untersuchen, und die Verhältnismäßigkeit der Resilienz. Ist es dein Stolz, resilient zu sein? Oder hasst du es, resilient zu sein? Oder es sein zu müssen? Oder ist es ambivalent?
Allein darüber nachzudenken und ehrlich mit dir zu sein, auch die beängstigenden Gedanken zuzulassen (du musst sie niemandem außer dir selbst eingestehen):
Mein Wunsch nach hoher Resilienz, wovor will der mich schützen? Was genau ist es, das ich hoffe, nie wieder zu erleben? Ist es ein Gefühl? Ist es Verlassenwerden, Trauer oder Terror? Was genau ist das?
Dieser innere Dialog, auf eine zutiefst ehrliche Weise, kann dir Führung geben. Nimm Kontakt auf mit – was du es auch nennen möchtest- dem inneren Kind, oder dem verletzbaren Teil von dir, oder verborgenen Teil hinter der Resilienz, und initiiere einen liebevollen, geduldigen Austausch über dieses Thema. Es ist deine wertvollste Beziehung und Führung, und wird mehr für deine Gesundheit tun als zusätzliche Resilienz. Besonders über 40.
Eine Anmerkung zu Langlebigkeit und Anti-Ageing
In der so genannten ‚Midlife‘-Phase kann die Idee von Resilienz im Sinne von Anti-Ageing fanatische Züge annehmen. Ein langes Leben ist natürlich gut. Wenn es allerdings darum geht, den Alterungsprozess nicht zu akzeptieren, werden wir nur alt, aber nicht reif.
Zu denken: „Ich muss trainieren, damit ich jetzt meine Muskeln und Knochen stärke, so dass ich später keine Osteoporose bekomme und stabiler bleibe, wenn ich falle“ , ist brilliant und genau die Form von Resilienz, oder einfach guter Planung, die hilfreich, notwendig ist.
Wenn der Resilienz-Dialog allerdings lautet: „Ich muss mehr meditieren, damit ich ausgeglichener bin wenn diese Person das nächste Mal meine Gefühle absolut missachtet, und ich muss mich irgendwie für meine eigene Stressreaktion wappnen“, wäre das kein Ausdruck besonderen Fortschritts.
Sollen wir manche Dinge verstärken? Ja, absolut, immer im Sinne ganzheitlicher Gesundheit, und immer auf sanfte Weise. Nicht im Verleugnungs-Modus. Medikamente, Nahrungsergänzungsmittel, Hanteln und Fitnessgeräte sind wunderbar, wenn wir sie überlegt und planvoll nutzen, und gefährlich, wenn wir das aus einem Gefühl der Panik heraus tun. Kein Hormon und kein Gym ist in der Lage, uns vor dem Schaden zu schützen, den Panik dem Nervensystem und dem Gehirn Ü40 zufügen.
Gesundheit als die Fähigkeit zu fühlen
Bisher wurde behandelt, warum Hyperresilienz nicht die Antwort ist, und absolut nicht dasselbe wie Gesundheit, und wie der Wechsel gehen kann von „Ja, pack mir das auch noch mit drauf, ich bin ja so fähig“ zu „Eigentlich bin ich jetzt eng mit mir befreundet, und kann mich und meine Grenzen genau so akzeptieren und schützen, sogar lieben, wie die Grenzen meiner Freund:innen.“
Mentale, psychologische und spirituelle Gesundheit dreht sich nicht primär um die Fähigkeit, äußere Stressoren auszuhalten. Sie ist die Fähigkeit zu fühlen, und mit dem authentischen selbst zu sein. Das kann sich zunächst beängstigend anfühlen, ist tatsächlich aber im Ergebnis zutiefst bereichernd und befreiend.
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Live Talk „Perimenopause Beyond Hormones – How Stability Shifts And How It Can Be Restored“